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Freeze-Reaktion: Wenn dein Körper nicht mehr ins Handeln kommt

  • sibyllefuenfstueck
  • 25. Dez. 2025
  • 18 Min. Lesezeit

Erstarrung, äußeres Funktionieren und innere Leere

Du weißt eigentlich, was du tun wolltest- vielleicht sogar, was dir guttun würde. Und trotzdem bleibt dein Körper schwer, unbeweglich, wie festgehalten. Die Freeze-Reaktion ist eine leise Stressantwort, die viele lange nicht als solche erkennen.


Frau sitzt still auf Fensterbank und blickt nach draußen - Darstellung einer Freeze-Reaktion bei innerer Erstarrung
Die Freeze-Reaktion zeigt sich oft leise: nach außen still, nach innen im Überlebensmodus

Wenn dein Körper einfach nicht mitmacht


Vielleicht kennst du solche Momente:

Du sitzt auf der Couch, das Handy in der Hand, und scrollst – länger als du wolltest. Eigentlich wolltest du aufstehen. Kochen. Einkaufen gehen. Etwas anfangen, das dir sogar wichtig ist. Aber dein Körper reagiert nicht. Nicht aus Trotz, nicht aus Gleichgültigkeit. Es ist eher, als gäbe es zwischen dem Gedanken „Ich sollte“ und der Bewegung eine unsichtbare Barriere.

Manchmal fühlt es sich an wie Schwere.

Manchmal wie Leere.

Manchmal wie ein inneres Wegdriften.

Von außen wirkt das oft unspektakulär. Du liegst nicht weinend am Boden, hast keine Panik, keinen offensichtlichen Zusammenbruch. Und genau das macht es so verwirrend. Denn innerlich passiert sehr wohl etwas: Dein System kommt nicht mehr in Bewegung. Nicht, weil du nicht willst – sondern weil etwas in dir auf Stopp geschaltet hat.

Viele beschreiben diesen Zustand nicht als Angst, sondern eher so: „Alles fühlt sich anstrengend an.“

„Ich komme nicht richtig in Gang.“

„Ich weiß gar nicht, warum nichts geht.“

Und oft kommt schnell ein zweiter Gedanke dazu: Selbstkritik. Zweifel. Die Frage, was mit einem nicht stimmt.


Die Freeze-Reaktion- eine leise Form von Stress


Die Freeze-Reaktion gehört – genau wie Kampf und Flucht – zu den grundlegenden Stressantworten unseres Nervensystems. Sie wird oft übersehen, weil sie nicht laut ist. Kein Drama, keine sichtbare Explosion. Eher ein inneres Stillwerden: Der Körper wird schwer, der Antrieb sinkt, Gefühle werden gedämpft oder wie „weggeblendet“. Viele erleben das nicht als Angst, sondern als eine Art Abschalten.


Wenn wir uns bedroht fühlen, prüft unser Nervensystem in Sekundenbruchteilen: Bin ich sicher? Habe ich Handlungsspielraum? Kann ich etwas tun?

Solange Bewegung möglich ist, geht das System häufig zuerst in Flucht oder Kampf: Wir werden wacher, schneller, impulsiver, versuchen zu reagieren. Freeze kommt oft dann ins Spiel, wenn diese Optionen nicht (mehr) verfügbar sind – wenn Weglaufen nicht möglich ist, wenn Angriff nicht sinnvoll oder zu riskant wäre, wenn Widerstand eher noch mehr Gefahr bedeuten würde. Dann kann Erstarrung die letzte, intelligenteste Lösung sein: Stillhalten, herunterfahren, Energie sparen, nicht auffallen, nichts provozieren.


Aus evolutionärer Sicht ist das hoch sinnvoll. In einer akuten Bedrohung kann Freeze das Überleben sichern: Der Körper reduziert Aktivität, Schmerzempfinden kann gedämpft werden, Impulse werden „eingefroren“, damit man aushält, was gerade nicht zu verändern ist. Viele Menschen kennen das aus Situationen, in denen sie innerlich wie „weit weg“ waren oder sich wie in Watte gefühlt haben. Das Nervensystem versucht dann nicht, mutig zu sein – es versucht, durchzukommen.


Problematisch wird Freeze nicht, weil er existiert, sondern weil er bleibt. Wenn Erstarrung sich zu einem chronischen Muster entwickelt, kann das Leben eng werden: Man friert nicht mehr nur in echten Gefahrensituationen ein, sondern auch dort, wo man eigentlich Gestaltungsspielraum hätte – bei Entscheidungen, in Konflikten, beim Setzen von Grenzen, beim Anfangen oder auch beim Genießen. Dann wirkt Freeze wie eine unsichtbare Bremse: Der Kopf weiß vielleicht, was sinnvoll wäre, aber der Körper „geht nicht mit“.


Und genau hier entsteht oft das Missverständnis, das vielen Betroffenen zusätzlichen Druck macht: Von außen sieht Freeze manchmal aus wie Unentschlossenheit, Faulheit oder fehlende Motivation. In Wahrheit ist es häufig eine Schutzreaktion, die irgendwann zur Gewohnheit geworden ist – ein Nervensystem, das lieber auf Sicherheit schaltet, bevor es überhaupt prüft, ob heute wirklich noch Gefahr besteht.

Freeze ist also kein Charakterfehler. Es ist eine Form von Überlebensintelligenz. Und gleichzeitig kann sie – wenn sie chronisch wird – das Gefühl von Lebendigkeit, Handlungsspielraum und innerem Kontakt stark einschränken. Erstarrung bedeutet dann nicht: „Du willst nicht.“ Sondern oft eher: „Dein System traut sich noch nicht.“


Die Freeze-Reaktion in Kürze

Freeze ist eine Stressreaktion des Nervensystems,

die aktiviert wird, wenn weder Kampf noch Flucht möglich oder sinnvoll erscheinen.

Sie dient dem Überleben, indem sie Aktivität, Emotionen und innere Impulse dämpft.

Problematisch wird Freeze nicht als akute Reaktion, sondern dann,

wenn Erstarrung zum chronischen Muster wird – auch in Situationen,

in denen heute eigentlich Handlungsspielraum vorhanden wäre.


Wie sich Freeze im Alltag zeigen kann


Freeze zeigt sich im Alltag oft leise und unspektakulär. Viele Betroffene merken zunächst nur, dass sie „nicht richtig da“ sind – ohne genau benennen zu können, was eigentlich passiert. Es ist weniger ein einzelnes Symptom als ein Zustand, der Denken, Fühlen, Körper und Beziehung gleichzeitig betrifft.


Ein häufiges Zeichen ist ein inneres Leerwerden des Kopfes, besonders in stressigen oder konfliktgeladenen Situationen. Gedanken reißen ab, Worte fehlen, Entscheidungen werden unmöglich. Im Englischen wird das oft als blank mind beschrieben – ein Moment, in dem der Geist wie ausgelöscht wirkt. Nicht, weil nichts vorhanden wäre, sondern weil das Nervensystem den Zugang kappt. Für viele fühlt sich das beschämend an: „Ich wusste doch eigentlich, was ich sagen wollte – und plötzlich war alles weg.“


Auch emotional zeigt sich Freeze oft als Taubheit oder Abflachung. Gefühle sind gedämpft, fern oder kaum spürbar. Freude, Ärger, Traurigkeit – alles scheint auf Abstand. Manche beschreiben das als innere Leere, andere als Gleichgültigkeit, die sich aber nicht stimmig anfühlt. Häufig geht damit ein Gefühl von fehlender Verbundenheit einher: mit sich selbst, mit anderen Menschen, manchmal auch mit dem eigenen Leben.


In Situationen, die eigentlich Grenzen oder Schutz erfordern würden, kann Freeze besonders schmerzhaft werden. Statt sich zu wehren, etwas zu sagen oder zu handeln, entsteht ein Gefühl von Machtlosigkeit. Der Körper reagiert nicht, Worte bleiben aus, Bewegung scheint unmöglich. Viele erleben das im Nachhinein als unerklärliches „Nichts-Tun“, obwohl innerlich durchaus wahrgenommen wurde, dass etwas nicht stimmt.


Typisch für Freeze sind auch dissoziative Erfahrungen. Dazu gehört das Gefühl, sich selbst nur noch von außen zu beobachten – als würde man funktionieren, ohne wirklich beteiligt zu sein. Gedanken, Gefühle oder Handlungen fühlen sich dann nicht mehr vollständig „eigen“ an. Manche beschreiben sich in solchen Momenten als Roboter, auf Autopilot, innerlich abgetrennt. Bei diesem Erleben spricht man von der sogenannten Depersonalisation.

Eng damit verbunden ist Derealisation: Die Außenwelt wirkt unwirklich, neblig oder wie durch eine Glasscheibe betrachtet. Geräusche erscheinen gedämpft, Farben flacher, Menschen weiter weg. Obwohl rational klar ist, dass alles real ist, fehlt das emotionale Erleben von Nähe und Präsenz. Es kann sich anfühlen, als würde eine unsichtbare Wand zwischen einem selbst und der Umwelt stehen.

Im Kern all dieser Erfahrungen liegt Dissoziation. Sie ist kein Nebeneffekt, sondern ein zentraler Bestandteil der Freeze-Reaktion. Dissoziation bedeutet, dass Wahrnehmung, Gefühle und Körperempfinden vorübergehend voneinander getrennt werden. Dieses „Numbing“ war einmal ein entscheidender Überlebensfaktor – besonders in Situationen, in denen Überwältigung nicht anders zu ertragen war. Was früher Schutz bot, kann sich heute jedoch wie Entfremdung anfühlen.


Auch körperlich ist Freeze oft spürbar. Viele fühlen sich erschöpft, kollabiert oder schwer, als wäre alle Energie aus ihnen gewichen. Der Körper nimmt eine eher zusammengesunkene Haltung ein, Bewegungen werden langsam, Motivation fehlt. Es ist nicht nur Müdigkeit, sondern ein Gefühl von innerem Stillstand. Selbst Dinge, die eigentlich Freude machen oder wichtig sind, fühlen sich unerreichbar an.


Zwischenmenschlich zeigt sich Freeze häufig als gleichzeitiger Wunsch nach Nähe und Rückzug. Man sehnt sich nach Verbindung, fühlt sich aber schnell überfordert, überwältigt oder wie erstarrt – besonders in Konflikten. Worte fehlen, der Kontakt bricht innerlich ab, man verstummt. Viele ziehen sich dann zurück, nicht aus Desinteresse, sondern aus Selbstschutz.


All diese Erfahrungen können sehr verunsichernd sein. Besonders, weil Freeze oft nicht als das erkannt wird, was er ist: eine Schutzreaktion des Nervensystems, kein persönliches Versagen. Viele Betroffene kämpfen lange mit Selbstzweifeln, weil sie sich nicht wiederfinden in gängigen Beschreibungen von Angst oder Stress – und doch spüren, dass etwas Grundlegendes sie blockiert.


Freeze im Alltag – typische Anzeichen


Kognitiv (Denken):

  • Gedanken reißen ab, der Kopf wird „leer“ (blank mind)

  • Entscheidungen fühlen sich unerreichbar an

  • Worte fehlen, besonders unter Stress oder im Konflikt


Emotional (Fühlen):

  • emotionale Taubheit oder starke Dämpfung

  • wenig Zugang zu Freude, Ärger oder Traurigkeit

  • Gefühl von innerer Leere oder Abgeschnittensein


Körperlich (Körper & Energie):

  • Schwere, Erschöpfung, kollabiertes Gefühl

  • wenig Antrieb, langsame Bewegungen

  • zusammengesunkene Körperhaltung, Rückzug


Dissoziativ (Wahrnehmung):

  • Gefühl, sich selbst von außen zu beobachten

  • Derealisation: die Umwelt wirkt unwirklich oder neblig

  • innere Distanz zu Gedanken, Gefühlen oder Handlungen


Im Kontakt (Beziehung & Konflikt):

  • Verstummen oder Erstarren in konflikthaften Situationen

  • Gefühl von Machtlosigkeit statt Abgrenzung

  • Wunsch nach Nähe bei gleichzeitiger Überforderung


Freeze als Folge früher Überforderung und Bindungsverletzung


Wenn Menschen beginnen, sich mit der Freeze-Reaktion zu beschäftigen, entsteht oft schnell ein inneres Bild von extremen Bedrohungssituationen: Gewalt, massiver Missbrauch, akute Gefahr. Und ja – solche Erfahrungen können Freeze auslösen. Doch sie sind längst nicht die einzige, und oft nicht einmal die häufigste Ursache.


Sehr häufig entwickelt sich Freeze im Kontext von langandauernder Überforderung, insbesondere dann, wenn sie früh beginnt und keine ausreichende Regulation von außen zur Verfügung steht. Das Nervensystem lernt in solchen Situationen nicht: Ich kann reagieren und werde geschützt, sondern eher: Ich muss aushalten, still sein, mich anpassen.

Gerade im Zusammenhang mit Bindungstrauma und komplexer Traumatisierung spielt dabei nicht nur das eine große Ereignis eine Rolle, sondern das, was über lange Zeit gefehlt hat. Chronische emotionale Vernachlässigung, fehlende Resonanz, unberechenbare Bezugspersonen oder das wiederholte Erleben, mit eigenen Bedürfnissen allein zu bleiben, können für ein kindliches Nervensystem ebenso überwältigend sein wie offene Bedrohung.

Kinder sind vollständig auf ihre Bezugspersonen angewiesen – nicht nur für Versorgung, sondern für emotionale Ko-Regulation. Wenn Angst, Stress oder Überforderung auftreten und niemand da ist, der beruhigt, einordnet oder schützt, bleibt dem System oft nur, sich selbst zu regulieren. Freeze wird dann zu einer stillen Lösung: Gefühle dämpfen, Impulse zurückhalten, innerlich zurücktreten.


Besonders prägend sind Situationen, in denen weder Flucht noch Abwehr möglich sind. Ein Kind kann seine Umgebung nicht verlassen, kann sich nicht wirksam wehren, ist auf die Beziehung angewiesen – selbst dann, wenn diese Beziehung unsicher, überfordernd oder emotional leer ist. Erstarrung wird in solchen Kontexten nicht zur Ausnahme, sondern zur wiederholten Anpassungsleistung. Mit der Zeit verankert sich diese Reaktion im Nervensystem. Was ursprünglich eine sinnvolle Antwort auf reale Überforderung war, wird zu einem automatisierten Muster. Das System greift auch später – im Erwachsenenleben – auf Freeze zurück, selbst wenn die ursprüngliche Bedrohung nicht mehr besteht. Nicht, weil die Person „nicht gelernt hat, anders zu reagieren“, sondern weil das Nervensystem genau das gelernt hat, was einst Sicherheit versprach.

Freeze ist damit weniger eine Erinnerung an einzelne Ereignisse als ein verkörpertes Gedächtnis. Der Körper erinnert sich an Zustände, nicht an Geschichten. Und er reagiert auf heutige Anforderungen oft mit denselben Strategien, die früher geholfen haben, durchzuhalten.


Wenn Freeze zur Gewohnheit wird - Erstarrung als automatisches Muster


Freeze entsteht nicht nur als einmalige Reaktion auf Überforderung. Häufig wird er zu einem erlernten Schutzmuster, auf das das Nervensystem immer wieder zurückgreift. Entscheidend ist dabei weniger was passiert ist, sondern wie oft und unter welchen Bedingungen der Körper erleben musste, dass Aktivierung keine Lösung brachte.

Wenn ein Mensch – besonders in frühen, abhängigen Lebensphasen – wiederholt erfährt, dass weder Flucht noch Abwehr möglich sind, lernt das Nervensystem etwas sehr Grundlegendes: Sicherheit entsteht durch Stillhalten. Impulse werden gedrosselt, Gefühle abgeschwächt, Aufmerksamkeit nach innen gezogen. Diese Strategie kann kurzfristig entlasten und langfristig sogar das Überleben sichern.


Das Nervensystem lernt nicht über Worte oder Einsicht, sondern über Wiederholung. Je häufiger Freeze in belastenden Situationen „funktioniert“, desto schneller und automatischer wird er aktiviert. Mit der Zeit braucht es keine akute Bedrohung mehr: Schon innere Spannung, Nähe, Erwartungen oder Entscheidungssituationen können ausreichen, um das bekannte Schutzprogramm auszulösen. So wird Freeze zu einer Gewohnheit des Körpers. Nicht im Sinne von Bequemlichkeit, sondern als effizienteste, vertrauteste Antwort auf Stress. Das erklärt, warum Menschen auch in scheinbar sicheren, alltäglichen Situationen erstarren – und warum Appelle an den Verstand so wenig bewirken. Der Körper reagiert, bevor der Kopf eingreifen kann.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist das verkörperte Gedächtnis. Das Nervensystem speichert keine Geschichten, sondern Zustände. Es erinnert sich daran, wie es sich anfühlte, nicht daran, wann oder warum etwas geschah. Deshalb kann Freeze im Heute auftreten, ohne dass eine bewusste Erinnerung an frühere Belastungen präsent ist. Der Körper reagiert auf Ähnlichkeiten im inneren oder äußeren Erleben – auf Tonlagen, Nähe, Überforderung, Zeitdruck – und schaltet vorsorglich auf Schutz.


Gerade bei komplexer Traumatisierung und Bindungstrauma ist dieses Muster häufig. Nicht, weil das Nervensystem „kaputt“ wäre, sondern weil es über lange Zeit lernen musste, mit begrenzten Mitteln auszukommen. Freeze wird dann zu einer verlässlichen, wenn auch engen Lösung: Er schützt vor Überwältigung, aber er begrenzt zugleich Zugang zu Lebendigkeit, Beziehung und Handlungsspielraum.


Zu verstehen, dass Freeze ein automatisiertes Schutzmuster ist, verändert den Blick auf sich selbst grundlegend. Statt Selbstvorwürfen tritt Einordnung. Statt Druck entsteht die Möglichkeit, dem eigenen System mit mehr Geduld zu begegnen. Veränderung bedeutet in diesem Kontext nicht, Freeze abzuschaffen, sondern dem Nervensystem neue Erfahrungen von Sicherheit und Handlungsspielraum zu ermöglichen – langsam, wiederholt und im eigenen Tempo.

Damit schließt sich ein Kreis: Was einst geholfen hat, durchzuhalten, darf heute Schritt für Schritt ergänzt werden. Nicht durch Willenskraft, sondern durch Beziehung, Regulation und das allmähliche Erleben, dass Bewegung wieder möglich ist.


Freeze verstehen – nicht bekämpfen

Freeze ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Motivation.

Er ist ein erlerntes Schutzmuster des Nervensystems, das einmal sinnvoll war.

Viele Menschen erleben Erstarrung deshalb nicht als Ausnahme, sondern als vertrauten Zustand.

Veränderung beginnt nicht mit Druck oder Einsicht, sondern mit dem Erleben von Sicherheit,

Beziehung und langsam wachsendem Handlungsspielraum.

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Freeze und Dissoziation- wenn Rückzug zur Überlebensstrategie wird


Freeze ist eng mit Dissoziation verbunden. Für viele Betroffene ist Erstarrung nicht nur ein körperliches Stillwerden, sondern ein Rückzug aus dem Erleben. Besonders bei früher emotionaler Vernachlässigung oder Bindungstrauma entwickelt sich Dissoziation oft als zentrale Überlebensstrategie.


Wenn Nähe wiederholt unsicher, überfordernd oder emotional leer erlebt wurde, lernt das Nervensystem früh: Andere Menschen sind nicht verlässlich. Statt Schutz in Beziehung zu finden, entsteht Sicherheit im Wegsein – im inneren Abtauchen, im Tagträumen, im Abschalten. Gefühle werden gedämpft, innere Bilder übernehmen, das Außen tritt in den Hintergrund.


Viele Menschen berichten später, dass sie sich schon als Kinder oder Jugendliche viel in Fantasiewelten zurückgezogen haben. Gedanken schweifen ab, innere Filme laufen, Zeit vergeht unbemerkt. Diese Form der Dissoziation ist keine Flucht aus Bequemlichkeit, sondern ein hoch wirksamer Selbstschutz, wenn reale Verbindung nicht verfügbar oder zu schmerzhaft war.

Im Erwachsenenleben kann sich dieses Muster fortsetzen – oft subtil und gesellschaftlich akzeptiert. Der Rückzug findet dann nicht mehr nur im Inneren statt, sondern auch im Digitalen: stundenlanges Online-Sein, Scrollen, Serien, virtuelle Kontakte. All das kann helfen, innere Spannung zu regulieren, ohne sich echter Nähe aussetzen zu müssen. Andere Menschen bleiben auf Abstand, Beziehungen wirken anstrengend oder potenziell gefährlich.

Diese Form von Freeze ist besonders schwer zu erkennen, weil sie nicht nach Stillstand aussieht. Betroffene wirken unabhängig, autonom, manchmal sogar sehr beschäftigt. Innerlich jedoch bleibt ein Gefühl von Distanz, Unverbundenheit oder „Nicht-wirklich-da-sein“. Nähe wird vermieden, nicht aus Desinteresse, sondern aus einem tief verankerten Schutzbedürfnis.


Dissoziativer Rückzug ist damit kein Zeichen von Beziehungsunfähigkeit, sondern ein Hinweis auf ein Nervensystem, das früh gelernt hat, allein sicherer zu sein als verbunden. Erst wenn dieses Muster verstanden und gewürdigt wird, kann langsam neue Erfahrung entstehen: Beziehung als etwas, das reguliert – statt überfordert.


Funktionales Erstarren- wenn man funktioniert, aber innerlich stillsteht


Viele Menschen verbinden die Freeze-Reaktion mit völliger Handlungsunfähigkeit: nicht aufstehen können, nichts erledigen, sich zurückziehen. Und deshalb erkennen sie sich selbst lange nicht darin wieder. Sie sagen: „So schlimm ist es bei mir nicht. Ich gehe ja arbeiten. Ich schaffe meinen Alltag.“

Was dabei oft übersehen wird, ist eine sehr verbreitete Form von Freeze: das funktionale Erstarren.


Beim funktionalen Erstarren bleibt die äußere Funktionsfähigkeit weitgehend erhalten. Pflichten werden erfüllt, Termine wahrgenommen, Verantwortung übernommen. Von außen wirkt das Leben oft geordnet, manchmal sogar leistungsfähig. Innerlich jedoch fühlt es sich ganz anders an. Handlungen geschehen ohne innere Beteiligung, eher aus Pflicht als aus Impuls. Entscheidungen kosten unverhältnismäßig viel Kraft oder werden möglichst vermieden. Das Leben wird bewältigt – aber nicht wirklich erlebt.


Diese Form von Freeze entsteht häufig bei Menschen, die früh gelernt haben, sich anzupassen. Still zu sein. Erwartungen zu erfüllen. Nicht aufzufallen. Das Nervensystem hat erfahren: Weiterfunktionieren ist sicherer als reagieren. Gefühle, Bedürfnisse und spontane Impulse werden zurückgehalten, damit der äußere Ablauf nicht gefährdet wird. So entsteht eine innere Spaltung: nach außen aktiv, nach innen eingefroren.


Besonders tückisch ist funktionales Erstarren, weil es lange nicht als Belastung erkannt wird – weder von außen noch von innen. Viele Betroffene halten sich für „irgendwie erschöpft“, „nicht richtig im Kontakt mit sich“, „emotional flach“. Sie vergleichen sich mit anderen und denken: Ich schaffe doch alles, also kann es mir nicht so schlecht gehen. Die eigene Not bleibt unsichtbar, auch weil sie sich nicht dramatisch zeigt.


Im Kontakt mit anderen Menschen wird funktionales Erstarren oft besonders spürbar. Nähe kann sich schnell überwältigend anfühlen, Gespräche anstrengend, Konflikte lähmend. Statt klarer Reaktion entsteht Rückzug, Anpassung oder inneres Abschalten. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Schutz. Das Nervensystem hält Distanz, um Überforderung zu vermeiden.

Funktionales Erstarren ist deshalb keine Schwäche und kein Zeichen mangelnder Selbstreflexion. Es ist eine hoch entwickelte Überlebensstrategie. Eine Art innerer Kompromiss: präsent genug, um zu funktionieren – zurückgezogen genug, um sich zu schützen. Viele Menschen leben jahrelang in diesem Zustand, ohne Worte dafür zu haben.

Erst wenn man versteht, dass auch dieses scheinbare „Weiterlaufen“ eine Form von Freeze sein kann, entsteht Raum für ein neues Verständnis von sich selbst. Nicht alles, was nach außen stabil wirkt, fühlt sich innerlich sicher an. Und nicht jede Erstarrung sieht aus wie Stillstand.


Warum gute Ratschläge bei Freeze nicht helfen


Viele Menschen im Freeze haben eine lange Geschichte gut gemeinter Ratschläge hinter sich. „Du musst einfach anfangen.“ – „Geh doch mal raus.“ – „Reiß dich zusammen.“ – „Mach kleine Schritte.“

Oft kommen diese Sätze von anderen, manchmal aber auch aus dem eigenen Inneren. Und fast immer bewirken sie dasselbe: zusätzlichen Druck. Das liegt nicht daran, dass die Ratschläge grundsätzlich falsch wären. Bewegung, Struktur, Aktivität können hilfreich sein. Das Problem ist ein anderes: Freeze ist kein Motivationsproblem. Und er ist auch kein Mangel an Einsicht. Im Freeze weiß der Kopf oft sehr genau, was sinnvoll wäre – der Körper kann es nur nicht umsetzen.


Freeze ist eine Reaktion des autonomen Nervensystems. Er entsteht dort, wo Sicherheit verloren ging und Überforderung nicht anders reguliert werden konnte. In diesem Zustand ist das System nicht offen für Appelle, Pläne oder Ziele. Es befindet sich in einem Schutzmodus, der darauf ausgelegt ist, Aktivierung zu dämpfen, nicht zu steigern. Jeder Versuch, von außen oder innen Druck zu machen, wird deshalb häufig als zusätzliche Bedrohung erlebt.

Gut gemeinte Ratschläge zielen meist auf Verhalten ab: Tu etwas anderes.

Freeze aber betrifft die Regulation: Wie sicher fühlt sich dein System gerade?

Solange diese Ebene nicht erreicht wird, bleiben Handlungsvorschläge wirkungslos – oder führen sogar dazu, dass sich Erstarrung verstärkt. Viele Betroffene kennen das Gefühl, innerlich „dichter“ zu werden, je mehr sie sich eigentlich bemühen wollen.


Hinzu kommt, dass Ratschläge oft ungewollt ein altes Muster reaktivieren: das Gefühl, nicht zu genügen, sich mehr anstrengen zu müssen, Erwartungen erfüllen zu sollen. Gerade Menschen mit Bindungstrauma oder komplexer Traumatisierung haben früh gelernt, dass Anpassung erwartet wird – unabhängig davon, wie es ihnen innerlich geht. Aktivierende Appelle können dann genau das auslösen, was Freeze ursprünglich verhindern sollte: Überforderung, Rückzug, inneres Abschalten.

Deshalb ist es so wichtig, Freeze nicht als Widerstand oder Trägheit zu missverstehen. Wenn etwas „nicht geht“, ist das kein Trotz, sondern ein Signal. Ein Hinweis darauf, dass das Nervensystem mehr Sicherheit braucht – nicht mehr Druck. Veränderung beginnt hier nicht mit besseren Ratschlägen, sondern mit einem anderen Zugang.

Erst wenn das System sich ausreichend sicher fühlt, kann Bewegung wieder entstehen. Nicht als erzwungene Leistung, sondern als innerer Impuls. Und genau deshalb greifen viele klassische Selbsthilfe-Strategien bei Freeze zu kurz: Sie setzen dort an, wo das Problem gar nicht liegt.


Was stattdessen helfen kann- ein traumasensibler Zugang zu Freeze


Füße auf Waldboden und Hand mit Herbstblatt – Symbol für Erdung und sanfte Bewegung bei der Freeze-Reaktion
Erdung und behutsame Bewegung als erster Schritt aus der Freeze-Reaktion

Was bei Freeze vorsichtig helfen kann:


Sanfte, kreisende Bewegung

– kleine, rhythmische Bewegungen (z. B. Schultern, Füße, Becken)

– kein Dehnen, kein „sich zwingen“

– Ziel: dem Körper Sicherheit und Mobilität signalisieren


Aktivierende Erdung

– festen Bodenkontakt spüren

– bewusst Druck auf Füße oder Hände geben

– Gewicht verlagern, stehen statt liegen


Dosierte Aktivierung statt Entspannung

– Freeze braucht oft mehr Energie, nicht weniger

– zu frühe Entspannung kann Erstarrung verstärken


Orientierung im Hier und Jetzt

– Raum benennen: Farben, Formen, Geräusche

– Blick bewegen, Umgebung wahrnehmen

– dem Nervensystem zeigen: Ich bin jetzt hier, es ist vorbei


Beziehung & Ko-Regulation

– ruhige, präsente Gegenüber

–Menschen wieder als regulierend erleben lernen

– Nähe dosieren, nicht erzwingen

– nicht erklären müssen, nicht funktionieren

– Sicherheit entsteht oft im Kontakt, nicht allein


Emotionale Wiederanbindung

–insbesondere: Wut


Freeze ist keine Blockade, die man überwinden muss, sondern ein Zustand, den das Nervensystem gewählt hat, um zu überleben. Deshalb hilft auch kein Druck, keine Selbstoptimierung und kein „Du musst dich nur mehr anstrengen“. Was Freeze braucht, ist Sicherheit – und dosierte Aktivierung.


Im Kern geht es um zwei miteinander verbundene Prozesse:

dem Körper wieder mehr Energie und Bewegung zu ermöglichen und ihm gleichzeitig zu vermitteln, dass es heute sicher genug ist, diese Energie auch zu nutzen.


1. Vorsichtige Aktivierung auf Körperebene

Menschen im Freeze-Zustand haben häufig zu wenig verfügbare Energie. Das Nervensystem ist nicht nur gehemmt, sondern regelrecht heruntergefahren. Deshalb braucht es zunächst keine Konfrontation, sondern sanfte, rhythmische Bewegung, die nicht überfordert.

Hilfreich können zum Beispiel sein:

  • kleine, zirkuläre Bewegungen (Schultern kreisen, Füße rollen, Becken wiegen)

  • langsames Aufrichten aus zusammengesunkener Haltung

  • bewusstes Verlagern des Gewichts im Stand

  • kurze, regelmäßige Bewegungsimpulse statt langer Aktivitätseinheiten

Diese Bewegungen signalisieren dem Körper:

Ich bin hier. Ich habe Handlungsspielraum. Es ist genug Energie da.

Wichtig ist dabei nicht die Intensität, sondern die Wahrnehmbarkeit. Bewegung soll spürbar sein, nicht leistungsorientiert.


Wichtig ist dabei ein häufiges Missverständnis:

Freeze bedeutet nicht, dass dem Körper „Energie fehlt“. Im Gegenteil. Neurobiologisch betrachtet befindet sich das Nervensystem oft in einem Zustand hoher innerer Aktivierung. Die Energie von Flucht oder Abwehr ist vorhanden – sie kann jedoch nicht nach außen umgesetzt werden.

Für viele Betroffene fühlt sich das paradox an: innerlich Spannung, Unruhe oder Druck – und gleichzeitig Erstarrung, Handlungsunfähigkeit oder Leere. Diese gebundene Energie macht Freeze oft so schwer auszuhalten. Der Körper ist alarmiert, aber blockiert. Bewegung, Ausdruck oder Abwehr waren einst nicht möglich – und genau diese Erfahrung hat sich im Nervensystem verankert.

Deshalb geht es beim Lösen von Freeze nicht darum, „mehr Energie zu erzeugen“, sondern darum, gebundene Aktivierung wieder sicher in Bewegung zu bringen – in kleinen, regulierten Schritten.


2. Erdung – aber aktivierend, nicht sedierend

Viele klassische Erdungsübungen zielen auf Beruhigung ab. Im Freeze ist jedoch oft etwas anderes nötig: eine Erdung, die wach macht, ohne zu überfluten.

Dazu gehören:

  • bewusster Druck der Füße in den Boden

  • das Benennen von Körpergrenzen („Wo endet mein Körper?“)

  • spürbarer Kontakt zu festen Oberflächen

  • langsames Gehen mit Aufmerksamkeit auf die Muskelarbeit

Erdung bedeutet hier nicht „runterfahren“, sondern wieder im Körper ankommen.


3. Sicherheit wiederherstellen – nicht nur rational, sondern verkörpert

Freeze hält sich nicht, weil Menschen nicht verstehen, dass sie heute sicher sind, sondern weil ihr Nervensystem es nicht spürt. Sicherheit entsteht deshalb nicht durch Einsicht, sondern durch wiederholte korrigierende Erfahrungen.

Das kann bedeuten:

  • Situationen zu schaffen, die überschaubar, vorhersehbar und kontrollierbar sind

  • Tempo selbst bestimmen zu dürfen

  • Wahlmöglichkeiten zu haben

  • Pausen einlegen zu können, ohne sich erklären zu müssen

  • der inneren kritischen Stimme entgegentreten

Sicherheit ist keine absolute Abwesenheit von Stress, sondern das Gefühl:

Ich kann reagieren – und ich bin nicht allein damit.


4. Beziehung als Heilungsraum – und als Herausforderung

Viele Menschen im Freeze haben sehr früh gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen. Andere Menschen waren unberechenbar, nicht verfügbar oder emotional gefährlich. Rückzug, Autonomie und innere Abschottung wurden zu zentralen Schutzstrategien.

Deshalb ist Beziehung oft ambivalent: sie wird gebraucht und gleichzeitig gemieden.

Heilung bedeutet hier nicht, Beziehungen „zu wollen“, sondern sie wieder tolerieren zu lernen. In kleinen Dosen. Mit klaren Grenzen. Mit der Erfahrung, dass Nähe nicht automatisch Überforderung bedeutet.

Gerade eine verlässliche therapeutische Beziehung kann hier entscheidend sein: nicht als Ort schneller Lösungen, sondern als sicherer Rahmen, in dem Aktivierung und Rückzug dosiert erfahrbar werden.


5. Wieder Kontakt zur eigenen Wut finden – behutsam und begleitet

Ein oft übersehener Aspekt von Freeze ist die unterdrückte Wut. Viele Menschen haben in der Phase, in der Freeze entstand, intensive Impulse von Ärger, Protest oder Abwehr gespürt – konnten sie aber nicht ausdrücken. Diese blockierte Aktivierung führte langfristig zu Erschöpfung, Kollaps oder depressiver Erstarrung.

Wut ist dabei nicht das Problem, sondern ein Zeichen von Lebendigkeit und Grenze. In einem sicheren Rahmen kann es heilsam sein, wieder Zugang zu dieser Energie zu bekommen:

nicht explosiv, nicht destruktiv, sondern verkörpert, dosiert und reguliert.

Auch das ist meist kein Alleingang, sondern Teil eines therapeutischen Prozesses.


6. Warum therapeutische Begleitung oft entscheidend ist

Wenn Freeze über lange Zeit besteht, ist er tief im Nervensystem verankert. Dann reicht Selbsthilfe oft nicht aus – nicht aus mangelnder Disziplin, sondern weil das System Schutz braucht, während es neue Erfahrungen macht.

Eine traumasensible Psychotherapie kann helfen:

  • Aktivierung und Sicherheit auszubalancieren

  • Überforderung zu vermeiden

  • Beziehung wieder erfahrbar zu machen

  • alte Schutzmuster zu würdigen, statt sie zu bekämpfen

Nicht, um Freeze „wegzumachen“, sondern um dem Nervensystem neue Optionen zu eröffnen.


Wenn Freeze sich über lange Zeit verfestigt hat – etwa im Rahmen von Bindungstrauma oder komplexer Traumatisierung – reicht Selbsthilfe oft nicht aus. Nicht, weil man sich „nicht genug bemüht“, sondern weil das Nervensystem diese Muster nicht allein verlernen kann. Es braucht neue Erfahrungen von Sicherheit, Regulation und Beziehung – wiederholt und im eigenen Tempo.

Eine traumasensible psychotherapeutische Begleitung kann hier helfen, Freeze nicht zu bekämpfen, sondern zu verstehen und behutsam zu lösen. Schritt für Schritt. Mit Respekt vor dem, was einmal geschützt hat. Und mit dem Ziel, wieder mehr Lebendigkeit, Kontakt und Bewegung zu ermöglichen.



Freeze ist keine Störung, die „weg muss“. Er ist ein Schutz, der einmal notwendig war. Viele Menschen haben durch Erstarrung überlebt – emotional, relational, manchmal ganz konkret. Dass dieser Schutz sich heute wie ein Hindernis anfühlt, macht ihn nicht falsch. Es zeigt nur, dass sich die Lebensumstände verändert haben.

Heilung bedeutet in diesem Kontext nicht, Freeze zu bekämpfen, sondern ihm zuzuhören. Zu verstehen, warum er da ist – und dem Nervensystem Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu ermöglichen. Erfahrungen von Sicherheit, von Beziehung, von Bewegung im eigenen Tempo.

Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem großen Schritt, sondern mit einem kleinen Moment von Kontakt. Mit dem Körper. Mit einem anderen Menschen. Mit sich selbst.


Häufige Fragen zur Freeze-Reaktion


Was ist der Unterschied zwischen Freeze und Dissoziation?

Freeze und Dissoziation hängen eng zusammen, sind aber nicht identisch. Freeze beschreibt eine Stressreaktion des Nervensystems, bei der Aktivität, Emotionen und Impulse heruntergefahren werden. Dissoziation ist häufig Teil davon: Wahrnehmung, Gefühle oder Körperempfinden werden abgespalten, um Überforderung zu reduzieren.


Ist Freeze dasselbe wie Depression oder Burnout?

Nein, auch wenn sich manche Symptome ähneln können. Freeze ist primär eine Schutzreaktion auf Überforderung oder Bedrohung. Depressionen oder Burnout können begleitend auftreten oder sich aus einem chronischen Freeze entwickeln, sind aber eigenständige Zustände mit eigenen Ursachen.


Kann man im Freeze sein und trotzdem funktionieren?

Ja. Viele Menschen erleben sogenanntes funktionales Erstarren: Sie gehen arbeiten, erledigen Pflichten und wirken nach außen stabil, fühlen sich innerlich jedoch leer, abgeschnitten oder wie auf Autopilot. Gerade diese Form von Freeze bleibt oft lange unerkannt.


Warum hilft „sich zusammenreißen“ bei Freeze nicht?

Weil Freeze kein Willensproblem ist. Die Reaktion entsteht im autonomen Nervensystem und läuft automatisch ab. Einsicht oder Motivation allein erreichen diesen Bereich nicht – im Gegenteil: zusätzlicher Druck verstärkt häufig die Erstarrung.


Was kann bei einer Freeze-Reaktion helfen?

Hilfreich sind vor allem körperorientierte, regulierende Ansätze: sanfte Bewegung, Erdung, Orientierung im Hier und Jetzt, kleine aktivierende Impulse. Wichtig ist dabei ein sehr behutsames Vorgehen – nicht alles, was „aktiviert“, ist für jedes Nervensystem passend.


Wann ist therapeutische Unterstützung sinnvoll?

Wenn Freeze über längere Zeit besteht, den Alltag einschränkt oder mit Dissoziation, Beziehungsproblemen oder starker Erschöpfung einhergeht, kann psychotherapeutische Begleitung sehr hilfreich sein. Besonders traumasensible, körperorientierte Ansätze unterstützen dabei, Sicherheit und Handlungsspielraum schrittweise wieder aufzubauen.


Vielleicht interessiert dich auch:

  • Wenn du dich besonders in der Verbindung von Freeze und frühen Beziehungserfahrungen wiederfindest, könnte auch mein Text zu Bindungstrauma und Bindungsverletzungen für dich hilfreich sein.

  • Viele Menschen erleben Freeze im Zusammenspiel mit innerer Leere oder chronischer Erschöpfung. Dazu habe ich auch einen ausführlichen Artikel über Depression als Schutzreaktion geschrieben.

  • Wenn du dich fragst, warum Nähe, Konflikte oder Beziehungen dich so schnell überfordern, findest du möglicherweise Anknüpfungspunkte in meinem Beitrag zu toxischen Beziehungsmustern.

  • Für einen Überblick über meinen therapeutischen Ansatz bei Trauma und komplexer Traumatisierung kannst du hier weiterlesen: Mein Ansatz in der Traumatherapie.

  • Freeze ist häufig Teil einer komplexen Traumafolgedynamik – besonders dann, wenn Überforderung über lange Zeit bestand. Auf meiner Themenseite zur komplexen Traumatisierung beschreibe ich genauer, wie sich solche Muster entwickeln und warum sie oft so hartnäckig sind.

 
 
 

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